- Wettbewerbsnachteil Energiekosten: Hohe Netzentgelte und starre Vergaberegeln beim neuen Industriestrompreis gefährden die Expansion bayerischer Familienunternehmen.
- Flucht ins Nachbarland: Statt Werkshallen in Oberbayern auszubauen, planen mittelständische Fertigungsbetriebe ihre Kapazitäten vermehrt im angrenzenden Tschechien oder Österreich.
- Schleichender Substanzverlust: Weil Großinvestitionen ausbleiben, droht dem Freistaat ein unbemerktes Wegbrechen seiner industriellen Basis abseits der Ballungsräume.
Wenn Großkonzerne Werke schließen, dominieren sie damit regelmäßig die Schlagzeilen. Doch die eigentliche Gefahr für die bayerische Wirtschaft vollzieht sich im Stillen. Der heimische Mittelstand – das Rückgrat der Wirtschaft zwischen Donau und Alpen – wählt bei Expansionsplänen vermehrt den Weg einschneidender Kostenreduzierungen: statt bestehende Standorte in Oberbayern auszubauen, verlagern produzierende Unternehmen ihre neuen Werkshallen zunehmend ins nahe Ausland.
Verantwortlich dafür sind die explodierenden lokalen Netzentgelte und die Konstruktion des neuen Industriestrompreises. Dieser deckelt den Strompreis zwar für extrem energieintensive Branchen, lässt den klassischen, mittelständischen Maschinenbauer oder Kunststoffverarbeiter jedoch oft komplett unberücksichtigt.
Das Dilemma mit den Netzentgelten
Während die Politik Entlastungen verspricht, schlägt in den Bilanzen des regionalen Mittelstands die harte Realität unmittelbar auf. Bayern leidet im bundesweiten Vergleich unter besonders hohen Kosten für den Netzausbau. Wer eine neue Fertigungslinie plant, kalkuliert langfristig. Wenn die Netzkosten am Heimatstandort unberechenbar steigen, geraten Nachbarländer wie Tschechien oder Österreich ins Visier. Dort locken nicht nur stabilere Rahmenbedingungen, sondern oft auch deutlich niedrigere Gesamtkosten für Energie.
Die Relevanz des Problems unterstreicht die vbw – Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e. V. in ihrer Studie „Internationaler Energiepreisvergleich für die Industrie“:
„Deutschland – und damit auch Bayern – gehört weiterhin zu den Ländern mit den höchsten Strom- und Gaspreisen für die Industrie. […] Hohe Energiepreise belasten die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie.“
Industriestrompreis geht am Mittelstand vorbei
Die Einführung des Industriestrompreises über das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) sollte den Abwanderungsdruck eigentlich dämpfen. Das Problem liegt jedoch im Detail: Der Deckel greift nur bei Unternehmen aus spezifischen, definierten Sektoren. Ein typischer oberbayerischer Mittelständler, der hochpräzise Bauteile fertigt, fällt in der Regel durch das Raster. Er zahlt den vollen Marktpreis inklusive aller lokalen Umlagen, während der ausländische Wettbewerber oftmals mit staatlichen Standortvorteilen kalkuliert.
Der Frust im industriellen Mittelbau wächst angesichts dieser Selektion massiv. Das zeigt der Druck von Branchenverbänden, die eine Ausweitung der Berechtigungen fordern. In einer Pressemeldung warnt beispielsweise Philip Nuyken, Geschäftsführer Politik des Bundesverbandes der Deutschen Kalkindustrie e.V.:
„Der Rekordhaushalt der Bundesregierung lässt eine zentrale industriepolitische Zusage vermissen: die Erweiterung des Industriestrompreis. Finanzmittel aus dem Klima- und Transformationsfond dürfen nicht zweckentfremdet werden. Sie müssen der Industrie zugutekommen, sodass alle berechtigten Sektoren den Industriestrompreis in Anspruch nehmen können.“
Wenn der Ausbau im Ausland stattfindet
Das Ergebnis dieser verfehlten Energiepolitik sind keine plötzlichen Insolvenzen, sondern gestrichene Zukunftsprojekte auf deutschem Boden. Ein bayerischer Automobilzulieferer oder ein mittelständischer Verpackungshersteller schließt nicht sofort sein Stammwerk. Aber die dringend benötigte, hochautomatisierte neue Halle entsteht eben 50 Kilometer hinter der tschechischen Grenze oder im oberösterreichischen Innviertel.
Dieser schleichende Prozess entzieht dem Freistaat langfristig Steuereinnahmen, blockiert die Schaffung zukunftssicherer Arbeitsplätze und schwächt die Innovationskraft in der Fläche. Wenn die Politik nicht rasch bei den Netzentgelten gegensteuert und Entlastungen branchenunabhängig gestaltet, wird aus der stillen Deindustrialisierung vielleicht bald ein dauerhafter wirtschaftlicher Rückschritt.



