Fachkräftemangel, erdrückende Bürokratie und geopolitische Verwerfungen: Der deutsche Mittelstand kämpft an vielen Fronten gleichzeitig. Beim „Round Table Mittelstand“ in Berlin diskutierten Anfang Mai rund 30 hochkarätige Vertreter aus Wissenschaft, Wirtschaftsverbänden und Politik, wie der Wirtschaftsstandort Deutschland aus der Krise geführt werden kann. Die zentrale Erkenntnis: Der Mittelstand besitzt die nötige Anpassungskraft – doch die Politik muss endlich die Fesseln lösen.
„Der Mittelstand ist anpassungsfähig und findet immer wieder innovative Lösungen“, betonte Prof. Dr. Dr. h.c. Friederike Welter (IfM Bonn/Universität Siegen) zur Eröffnung der Konferenz. Entscheidend seien jedoch Rahmenbedingungen, die eine schnelle Reaktion auf neue Anforderungen überhaupt erst zulassen.
Zwei-Klassen-Mittelstand: Innovation als Überlebensversicherung
Die Realität in den Betrieben driftet laut KfW-Expertin Dr. Jennifer Abel-Koch zunehmend auseinander. Während geopolitische Krisen, die protektionistische US-Zollpolitik und der massive Druck aus China das Vertrauen vieler Unternehmer erodieren lassen, gibt es eine Gruppe, die optimistisch bleibt. Betriebe, die kontinuierlich in Forschung, Entwicklung und Prozessinnovationen investieren, blicken deutlich positiver in die Zukunft. Der Grund: Sie federn die explodierenden Lohn- und Energiekosten durch immense Effizienzvorteile ab. Dennoch bleiben Steuern, Energiepreise und Bürokratie für alle die größten Standortrisiken.
Wie tief die Wunden der Energiekrise sitzen, verdeutlichte Dr. Mathias Mainz (IHK NRW): „Gut 41 Prozent der Unternehmen sehen ihre Wettbewerbsfähigkeit massiv gefährdet.“ Die Folge ist fatal für die Zukunft des Standorts: Wichtige Investitionen in Kernprozesse und Innovationen werden auf Eis gelegt. Die Wirtschaftsverbände BDI und ZDH fordern daher ein schnelles Nachbessern der Bundesregierung. Ganz oben auf der Wunschliste: Eine dauerhafte Entfristung der Stromsteuersenkung für das produzierende Gewerbe.
Ruf nach einem Gesamtkonzept
Scharfe Kritik an der aktuellen Wirtschaftspolitik gab es von Dr. Constantin Terton (Zentralverband des Deutschen Handwerks). Ständig neue, unkoordinierte Einzelvorschläge würden Betriebe und Beschäftigte massiv verunsichern. „Der Mittelstand braucht endlich ein abgestimmtes Gesamtkonzept für Reformen“, forderte Terton. Dazu gehören spürbare Entlastungen, der konsequente Einsatz von Sonderschulden für Infrastruktur-Investitionen, eine Reform der Sozialsysteme sowie eine ehrliche Schrumpfkur für die aufgeblähte öffentliche Verwaltung.
Dass Regulierung nicht nur blockieren, sondern im Falle der Kreislaufwirtschaft auch neue Märkte schaffen kann, zeigten Dr. Michael Rothgang und Dr. Jochen Dehio (RWI Leibnitz-Institut für Wirtschaftsforschung Essen). Ihr Plädoyer: Jedes Gesetz braucht eine konsequente Kosten-Nutzen-Abwägung und muss vor der Einführung in der Praxis erprobt werden.
Baustelle Selbstständigkeit: Gründer häufig ausbremst
Ein weiteres Alarmsignal lieferte das RKW Kompetenzzentrum. Zwar ist das gesellschaftliche Ansehen von Gründern laut Dr. Natalia Gorynia-Pfeffer weiterhin hoch, doch die realen Rahmenbedingungen für die Selbstständigkeit haben sich dramatisch verschlechtert.
Wie konkret diese Hürden sind, zeigt eine Untersuchung von Dr. Vinzenz Peters (IfM Bonn) zum Mutterschutz im Handwerk: Sagenhafte 89 Prozent der selbstständigen Handwerkerinnen arbeiten trotz Schwangerschaft unter Bedingungen weiter, die im Angestelltenverhältnis verboten wären. Die Angst vor Umsatzverlusten zwingt sie dazu. Ein neues, modulares Fördermodell des IfM Bonn und des Westdeutschen Handwerkskammertags soll diese finanzielle Lücke künftig schließen – ein kleiner, aber wichtiger Baustein, um die Selbstständigkeit in Deutschland wieder sicherer und attraktiver zu machen.



