Es ist Zeit für Klartext. Während in Berlin die politischen Debatten derzeit oft in einer Blase aus bürokratischer Beschwichtigung stattfinden, kämpft das, was wir so stolz das „Rückgrat unserer Wirtschaft“ nennen, inzwischen einmal mehr ums nackte Überleben: aktuell mit der Energiekrise im Mittelstand. Der Iran-Krieg hat die globalen Energiemärkte in ein Chaos gestürzt, das für unseren industriellen Mittelstand – und besonders für unsere „Hidden Champions“ – zur existenziellen Bedrohung geworden ist. Als jemand, der den Mittelstand seit Jahrzehnten begleitet, sage ich Ihnen: Die Lage ist nicht nur ernst, sie ist dramatisch.
Unsere mittelständischen Weltmarktführer können und wollen ihre Produktion nicht einfach per Mausklick ins Ausland verlagern. Wenn die Energiekosten durch die Decke schießen, bluten diese Familienunternehmen aber einfach aus. Die Bundesregierung unter Kanzler Friedrich Merz steht nun vor der Mammutaufgabe, den Industriestandort Deutschland vor dem endgültigen Kollaps zu bewahren.
Geschäftsklima auf Tiefstand
Die nackten Zahlen unterstreichen den Ernst der Lage: Das ifo-Institut meldete, dass das Geschäftsklima im verarbeitenden Gewerbe auf einen Tiefstand gefallen ist, wobei rund 26 Prozent der Unternehmen mit einer weiteren Verschlechterung ihrer Lage rechnen. Das ZEW warnt vor einer „anhaltenden Schockstarre“ der Investitionen. Besonders alarmierend sind die aktuellen Ergebnisse der Blitzumfrage des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft (BVMW): Über 40 Prozent der mittelständischen Unternehmen planen für 2026 geringere Investitionen, während die Stimmung auf einem besorgniserregend niedrigen Niveau angekommen ist. Wenn unsere Vorzeigebetriebe den Glauben an die Zukunft verlieren, ist das der Alarm vor dem Systemausfall.
Wirtschaftsministerin Katherina Reiche musste in ihrer Frühjahrsprojektion die Wachstumserwartung für 2026 bereits auf magere 0,5 Prozent herunterschrauben. In einer aktuellen Stellungnahme betont Reiche: „Wir setzen alles daran, die industrielle Substanz zu erhalten und die Transformation trotz widriger Umstände voranzutreiben.“ Doch für viele Betriebe klingt das immer mehr wie Hohn oder eine konsequente Negierung der Realität. Laut der DIHK spüren 83 Prozent der Unternehmen die massiven negativen Folgen des Iran-Kriegs; jedes vierte Unternehmen im industriellen Mittelstand denkt bereits laut über Standortverlagerungen nach.
Die Regierung ist uneins
Innerhalb der Regierung gibt es dabei zunehmend Risse. Vizekanzler und Finanzminister Lars Klingbeil mahnt soziale Abfederungen und staatliche Eingriffe an, was zu offenem Streit mit Ministerin Reiche führt, die marktwirtschaftliche Prinzipien verteidigt. Während die Koalitionspartner miteinander ringen und ein frühzeitiges Ende der Regierungs-Koalition immer deutlicher diskutiert wird, schaut die Opposition genervt und machtlos zu. Die Grünen fordern einmal mehr eine drastische Beschleunigung der Energiewende, um sich von fossilen Importen unabhängig zu machen, während die Linke und die AfD – aus jeweils anderen Richtungen – das Agieren der Regierung als „Zerstörung des Industriestandorts“ brandmarken.
Was ich in meinen Gesprächen höre, ist eine gefährliche Mischung aus Wut und Resignation. Ein Mittelständler sagte mir neulich am Telefon: „Wir haben bisher jede Krise gemeistert, aber dieser Energiepreis-Wahnsinn nimmt uns jetzt endgültig den Atem.“ Das ist die emotionale Realität jenseits der Ministerien.
Wir brauchen jetzt sicher keine neuen Arbeitskreise oder wohlklingende und beschwichtigende PR-Botschaften, sondern ziemlich sofort eine Energiepolitik, die den Namen auch verdient: dazu gehört eine sofortige und radikale Senkung aller staatlich induzierten Kosten. Der Staat darf nicht der Profiteur der Krise sein, während die Hidden Champions jeden Tag etwas mehr im Regen stehen. Wenn wir jetzt nicht handeln, wird aus dem „Rückgrat der Nation“ bald ein Mahnmal für verpasste Gelegenheiten und für den Niedergang des Wirtschaftsstandorts. Auch wenn Frau Reiche in diesem April noch eine gesicherte Energieversorgung beschwört – spätestens im Juni oder Juli wird sie andere Botschaften verkünden müssen. Diese Krise hat gerade erst begonnen, und ihre Verwerfungen werden uns allen Prognosen zufolge im zweiten Halbjahr 2026 mit voller Wucht treffen.
Deshalb: es ist Zeit zu handeln – bevor die Lichter im industriellen Kernland endgültig vielerorts einfach ausgehen.
Ihr Achim von Michel



