Laut einer aktuellen Studie entwickelt sich das globale Wettbewerbsumfeld für den Chemie-Mittelstand zu Ungunsten des Standorts Deutschland. Dennoch reagiert die Politik nicht auf diesen Wandel. (Foto: FotoHiero, pixelio.de)

Chemie-Mittelstand fordert bessere Standortbedingungen

Veröffentlicht: 04.02.2015

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Aus Sicht der mittelständischen Chemieunternehmen hat sich die Standortqualität Deutschlands in den vergangenen fünf Jahren verschlechtert. Aus der Perspektive des Mittelstands, der mit 160.000 Beschäftigten über ein Drittel aller Arbeitsplätze der Branche stellt, gibt es viele Herausforderungen: Die Stärken des Chemiestandorts wurden nicht durch geeignete industriepolitische Maßnahmen weiterentwickelt. Gleichzeitig haben sich die Schwächen durch externe Faktoren, wie die niedrigen Energiepreise in den USA, sowie politische Entscheidungen in Berlin und Brüssel weiter vergrößert. Das ist das zentrale Ergebnis einer repräsentativen Umfrage unter 150 mittelständischen Betrieben aus der chemisch-pharmazeutischen Industrie, die die Unternehmensberatung Dr. Wieselhuber & Partner für ihre Studie „Die Wettbewerbsfähigkeit des Chemiestandortes Deutschland“ durchgeführt hat. Die Ergebnisse hat der VCI auf seiner Mittelstandspressekonferenz 2015 in Frankfurt vorgestellt.

Der Vorsitzende des VCI-Ausschusses Selbständiger Unternehmer (ASU), Reinhold von Eben-Worlée, kommentierte: „Das globale Wettbewerbsumfeld entwickelt sich zu Ungunsten des Standorts Deutschland. Dennoch reagiert die Politik nicht auf diesen Wandel. Dabei müsste die Bundesregierung entschlossen handeln, um die Wettbewerbsfähigkeit des Chemie- und Industrielands Deutschland auf Dauer zu sichern. Bereits 5 Prozent der befragten Mittelständler haben angegeben, in den kommenden Jahren überhaupt nicht mehr in Deutschland zu investieren. Außerdem investiert bereits ein Drittel aller mittelständischen Firmen im Ausland.“

Für die Studie haben die befragten Chemieunternehmen die Standortqualität in Deutschland anhand von 14 Faktoren bewertet. Demnach sind das „Innovationsklima“, die „Infrastruktur“, die „Verfügbarkeit von Fachkräften“ und die „Rechtssicherheit“ Rahmenbedingungen, mit denen Deutschland international punkten kann – aber nicht mehr uneingeschränkt. Das „Innovationsklima“ hat sich seit 2009 verschlechtert. Die Qualität der „Infrastruktur“ sehen die Unternehmen als zukünftig gefährdet an und fordern, die Zuverlässigkeit in diesem Bereich zu erhalten. Außerdem wurde es für die Betriebe in den vergangenen fünf Jahren deutlich schwieriger, ihren Fachkräftebedarf zu decken. Mit Blick auf die „Rechts- und Planungssicherheit“ fällt es den Unternehmen zunehmend schwer, sich auf die ständigen Änderungen einzustellen.

Aus Sicht der mittelständischen Chemieunternehmen haben sich die meisten Standortfaktoren in den vergangenen Jahren negativ entwickelt. Am stärksten verschlechterten sich die Kategorien „Energiekosten“ sowie der „Bürokratie- und Regulierungsaufwand“. Eine gefühlte „Überregulierung“ in der EU, wie beispielsweise durch die Chemikalienverordnung REACH, die Verordnung für Biozidprodukte oder die GMP-Richtlinie zur Qualitätssicherung von Produktionsabläufen, wird von mehr als 50 Prozent der Befragten als Belastung empfunden. Insgesamt klagt mit 45 Prozent knapp die Hälfte der Unternehmen über eine zu hohe Bürokratie. Hinzu kommen aus Sicht der Unternehmen hohe Produktionskosten, eine hohe Steuerbelastung und das schwache Marktwachstum in Deutschland und Europa.

Strategien zur Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit

Die Studie kommt jedoch auch zu dem Ergebnis, dass die mittelständischen Chemieunternehmen am Standort Deutschland festhalten wollen. Sie ergreifen verschiedene Maßnahmen, um ihre Wettbewerbsfähigkeit zu sichern. Hierzu sagte Henrik Follmann, Mitglied im VCI-Präsidium: „Das heißt für die Unternehmen vor allem: Spezialisierung und Kundenorientierung vorantreiben, Forschung und Entwicklung ausbauen, Effizienz und Produktivität verbessern und Internationalisierung verstärken.“ Dieses Paket allein werde jedoch nicht ausreichen, um auch in Zukunft erfolgreich im globalen Wettbewerb zu bestehen. Industriepolitisch bestehe daher dringender Handlungsbedarf durch die Bundesregierung für bessere Rahmenbedingungen.

Eben-Worlée und Follmann nannten hier vier Bereiche, in denen gehandelt werden müsse: eine zügige Deckelung der staatlich verursachten Energiekosten im Rahmen des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) und die Schaffung von Rechtssicherheit bei der Erbschaftsteuer ohne rückwirkende Regulierung. Außerdem die Einführung einer steuerlichen Forschungsförderung für Unternehmen aller Größenklassen, wie sie die meisten EU- und OECD-Staaten bereits haben, und ein Eintreten der Bundesregierung für einen erfolgreichen Abschluss des transatlantischen Freihandelsabkommens TTIP.

Die mittelständischen Chemieunternehmen sind eine tragende Säule der Branche. Sie stellen über ein Drittel aller Arbeitsplätze in der chemischen Industrie. Außerdem erwirtschaften sie rund 30 Prozent des deutschen Chemieumsatzes. Insgesamt zählen mehr als 90 Prozent der rund 2.000 Chemiebetriebe hierzulande zum Mittelstand. Eine so ausgeprägte mittelständische Unternehmenskultur besitzt keine andere Chemienation auf der Welt.

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