Fachkräfte: Wir haben keinen Mangel, wir haben Bedarf

Veröffentlicht: 25.05.2012

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Verehrte Unternehmerinnen und Unternehmer,

in unserer neuen Ausgabe von mittelstandinbayern.de haben wieder eine Reihe von Gastautoren interessante Beiträge veröffentlicht. Lesen Sie mehr über die Abberufung des GmbH-Geschäftsführers (Recht), aktuelle Kommunikationsmängel bei der Energiewende (Energie), Strategien zur Gewinnung von Auszubildenden im Unternehmen (Mitarbeiter) und über innovative Wege bei der Unternehmensfinanzierung (Geld).

Mich selbst beschäftigt in diesem Monat das Thema Fachkräfte, das ja neuerdings in aller Munde ist. Dabei ist, so wies ein Arbeitsgruppen-Teilnehmer Mittelstandspakt der Bayerischen Staatsregierung vor einigen Monaten zu Recht hin, schon der Begriff an sich unglücklich gewählt. Denn „Fachkräftemangel“ transportiert nicht nur ein negatives Bild einer an sich sehr erfreulichen wirtschaftlichen Entwicklung.

Der wesentlich positivere Begriff „Fachkräftebedarf“ lenkt zudem die Aufmerksamkeit auf die Bewältigung eines grundsätzlich lösbaren Problems – nämlich den Bedarf zu befriedigen.
Die Fakten sind bekannt und wurden durch eine Unternehmerumfrage des BVMW zuletzt im vergangenen Dezember bestätigt. Demnach plant ein Drittel der mittelständischen Unternehmer, den Personalbestand in den kommenden zwölf Monaten auszubauen, weniger als fünf Prozent wollen die Zahl der Mitarbeiter reduzieren. Von Anbietern offener Stellen finden fast 40 Prozent keine geeigneten Mitarbeiter. Unter dem wachsenden Fachkräftemangel leidet der Mittelstand in seiner Gesamtheit. Besonders betroffen sind der Maschinenbau, die Metallverarbeitung, die Elektroindustrie, aber auch die Energiebranche und der Gesundheitsbereich, und zwar unabhängig von der Unternehmensgröße. Gesucht werden vor allem Arbeitnehmer mit MINT-Qualifikationen, also Mathematiker, Informatiker, Naturwissenschaftler und Techniker. Insbesondere für hoch qualifizierten Fachkräfte sind Konzerne oftmals der vermeintlich attraktivere Arbeitgeber. Dadurch gerät der Mittelstand in eine “Sandwich-Position”: Von der einen Seite drückt die Demografie, denn die Zahl der 20- bis 65-Jährigen geht von heute 50 Millionen bis 2030 auf 43 Millionen zurück. Von der anderen Seite drücken die Angebote der Konzerne, die gut ausgebildete Mitarbeiter mit hohen Bezügen abwerben.
Flexicury: Fachkräfte-Sharing im Mittelstand
Der Mittelstand ist – wie so oft – in einer äußerst schwierigen Situation, denn schwankende Auftragslagen in wirtschaftlich instabilen Zeiten und enge Liquiditätsgrenzen durch die Kreditklemme machen es ihm im hart umkämpften Fachkräftemarkt noch schwerer, Bewerbern attraktive Angebote zu machen. Im Rahmen der EU-Grundsätze der Flexicurity, der Verbindung von Flexibilität und Arbeitsplatzsicherheit, entwickelte der BVMW darum gemeinsam mit französischen Partnern das in Frankreich bereits sehr erfolgreich praktizierte Modell des Arbeitgeberzusammenschlusses (AGZ) weiter. Ein AGZ – in der Regel eine Genossenschaft – wird von mehreren mittelständischen Unternehmen gegründet und getragen. Es schließen sich zum Beispiel zehn Betriebe zusammen und stellen gemeinsam drei Fachkräfte ein, die sich die Aufgaben in den zehn Unternehmen teilen: mal arbeiten sie bei der einen, mal bei der anderen Firma. Das nimmt den Unternehmern das Risiko, bei schlechterer Auftragslage Mitarbeiter bezahlen zu müssen, ohne sie zur Arbeit einsetzen zu können.
Mehr Qualifikation durch innovative Weiterbildungsmodelle
Auch im Bereich der Weiterbildung müssen wir neue Maßstäbe setzen: zum Beispiel bei älteren Arbeitnehmern, deren traditionelles Berufsbild durch die Globalisierung verschwunden ist. Das BVMW-Modell einer Zusatzausbildung sieht vor, Erwachsenen mit abgeschlossener Berufsausbildung innerhalb eines Jahres einen weiteren Berufsabschluss zu ermöglichen. Das Unternehmen zahlt während dieser Zeit den normalen Ausbildungslohn, die Agentur für Arbeit parallel das Arbeitslosengeld. Die Ausbildung endet mit der regulären Prüfung durch die Kammern. Mit einer solchen Zusatzqualifikation können gerade ältere Nicht-Erwerbstätige ihre Chance für einen Wiedereinstieg in den ersten Arbeitsmarkt deutlich verbessern.
Wie so oft ist also auch das Fachkräfte-Thema vor allem eine Frage der Betrachtung: Ist das Glas nun halb voll oder halb leer?

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