Achim von Michel

Mittelstand in Bayern

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Sind wir noch ganz dicht? Mehr Pragmatismus bei der Corona-Bekämpfung!

#wirmachenauf – mit diesem plakativen hashtag drohen in diesen Tagen ein paar tausend Einzelhändler in Deutschland und der Schweiz, sich ab kommendem Montag kurzerhand über die geltenden Pandemiegesetze hinweg zu setzen und ihre Läden wieder aufzusperren. Die Diskussionsstränge in den sozialen Medien dazu sind endlos und emotional, und längst haben AfD, Reichsbürger und andere nicht unbedingt an Systemstabilität interessierte Kräfte diesen spontanen Impuls des neuen Jahres für sich instrumentalisiert, um die Anti-Regierungs-Stimmung ordentlich zu befeuern.

Dabei sind die Argumente isoliert betrachtet teils nicht unschlüssig: der Einzelhandel, Gastronomie und Hotellerie legten ausgefeilte Hygienekonzepte vor; andere Branchen dürften ja auch arbeiten; der Lockdown habe sich inzwischen als grundsätzlich unwirksam erwiesen;  Ja – man kann mehr als nachvollziehen, dass zum Beispiel Sportgeschäfte mit Winterbedarf angesichts ihres Null-Umsatzes in einem Schneewinter in schiere Verzweiflung geraten. Aber nein – natürlich darf diese Stimmung nicht in zivilen Ungehorsam gegen bestehende gesetzliche Regelungen münden, zumal wir glücklicherweise in einem Land leben, in dem derzeit wirtschaftliche Schäden, die durch den Lockdown entstehen, zumindest zum Teil durch finanzielle Unterstützung des Staates aufgefangen werden. Wenn die Hilfen nur auch zeitnah ankommen würden.

Es darf keine „Gegenbewegung“ zu Corona-Leugnern geben

Doch nicht sehr viel besser sieht es leider auch im wachsenden „gegnerischen“ Lager aus. Die bisher unstrittige Strategie der Bundesregierung, zumindest den allergrößten Teil der deutschen Wirtschaft auch während des Lockdowns am Laufen zu halten und so den schlimmsten Verwerfungen zu begegnen, wird zunehmend mit den Argumenten der gesellschaftlichen „Gleichmacherei“ kritisiert: Warum darf der Steuerberater, Rechtsanwalt oder Call-Center-Betreiber seine Mitarbeiter vollzählig antreten lassen, der Restaurantchef aber nicht? Warum gibt es keine verpflichtende Home Office-Regelung für alle Betriebe? Warum schließen wir nicht die gesamte Wirtschaft und gehen in einen mehrwöchigen, „harten Lockdown“, um endlich mit unserer Corona-Strategie erfolgreich zu sein?

Mir machen beide Positionen dieser gesellschaftlichen Debatte eher Angst, denn ihre gegensätzlichen, oft ideologisch vorgetragenen Inhalte entfernen sich zunehmend von dem, was einmal als Strategie der deutschen Corona-Bekämpfung formuliert wurde und auch gesellschaftlichen Konsens genoss: maximaler Schutz der Bevölkerung (und das klar an erster Stelle), aber ohne die wirtschaftlichen Folgen dabei aus dem Auge zu verlieren.

Der Spitzingsee ist nicht Bayerns einziges Erholungsgebiet

Die maskenfrei demonstrierenden Leugner, Verharmloser und potenziellen Gesetzesübertreter bieten sicher keine geeignete Alternative zur Verbesserung der Lage an. Nicht nur, dass der Staat sie aufgrund des Gewaltmonopols überhaupt nicht gewähren lassen kann, ohne sich gleichzeitig der völligen Lächerlichkeit Preis zu geben: was wäre denn gewonnen? Mehr Menschen würden mit allerlei Verkehrsmitteln in die Städte strömen, freudig ihr Konsumdefizit nachholen und schon bald wieder in ein entspanntes Vor-Corona-Verhalten übergehen. So vielfach gesehen in den Ski- und Erholungsgebieten dieses Landes in den vergangenen Wochen, obgleich fast überall genügend Ausweichmöglichkeiten zur Verfügung gestanden hätten, um derartige Bilder massiver Menschenansammlungen gar nicht erst entstehen zu lassen. In Bayern jedenfalls ist der Spitzingsee nicht das einzige gut erreichbare Naherholungsgebiet mit Gebirgs-Feeling. Hier könnten intelligente, zeitnah reagierende Leitsysteme – zum Beispiel über Radio und RDS / TMC – sicher dabei helfen, den berechtigten Wunsch vieler Bürger nach naturnaher Erholung in der Umsetzung entsprechend zu entzerren.

Auf der anderen Seite sind aber auch rigide Komplett-Schließungen, Home Office-Verpflichtungen für alle Unternehmen oder andere massive Einschränkungen über die bestehenden Verordnungen hinaus wenig zielführend, zum Teil wirken sie sogar absurd. Diese Pandemie kostet uns nicht nur viele Leben, sie kostet uns auch hunderte Milliarden, wenn nicht sogar Billionen von Euro. Irgendwer wird das bezahlen müssen, und die derzeit gewählte Sprachregelung, die nachfolgende Generation „würden das schon schultern“, ist nicht nur zynisch sondern auch schlicht falsch. Firmenpleiten und Arbeitslosigkeit werden noch in diesem Jahr eine zunehmende Dynamik in vielen Branchen entfalten– auch in jenen, die nicht von unmittelbaren Schließungen betroffen sind.

Gefragt sind pragmatische, intelligente Strategien

Deshalb ist dies definitiv nicht die Zeit für gesellschaftliche Gerechtigkeitsdebatten, und es ist auch nicht die Zeit für unausgetragene Kämpfe mit staatlichen Autoritäten. Es ist die Zeit sehr kluger Köpfe, die sich höchst pragmatisch über intelligente Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung Gedanken machen, und dann bitte auch sehr genau angehört werden. Immer mehr vom Gleichen mit einer immer stärkeren Dosis ist mir als Strategie inzwischen zu unkreativ, und es trägt zu einem guten Teil zur wachsenden Frustration in der Gesellschaft bei. Absurditäten wir eine 15-Kilometer-Leine, deren Pandemie-begrenzende Wirkung sich bereits beim Spaziergang alleine im 16 Kilometer entfernten Waldstück nicht mehr entfaltet, werden wahrscheinlich nicht einmal die ersten Instanzen der deutschen Gerichte überstehen – wie so viele andere Spontan-Verordnungen davor auch.

Alles ist machbar: Sogar der Schutz vulnerabler Gruppen

Warum also noch bei einer gesellschaftlichen Anstrengung mitmachen, die viel zu wenig Resultate bringt. Und wenn schon leiden, warum dann nicht in gleichem Maß wie mein Nachbar der Steuerberater? Sollen das die Antworten in unserer Gesellschaft sein? Viele Experten sind sich inzwischen einig, dass die „heilige Kuh“ der 50 Inzidenzen auf 100.000 Einwohner in den Wintermonaten schlichtweg unerreichbar ist, egal mit welcher Art von Maßnahme. Der besonders notwendige Schutz der besonders vulnerablen Bevölkerungsschichten – vor allem in den Alten- und Pflegeheimen – ist dabei über Monate hinweg sträflich vernachlässigt worden. Organisatorisch sei das nicht machbar, hieß es. Fast alles ist machbar, sogar die Entwicklung des ersten funktionierende RNA-Impfstoffs innerhalb von 12 Monaten! Zumal von den rund 300.000 fertig ausgebildeten Pflegekräften in diesem Land, die dem Beruf den Rücken gekehrt haben, wohl etwa die Hälfte bereit wäre, bei besseren Arbeitsbedingungen zurückzukehren. Es gehört zur Wahrheit dazu, dass genau in dieser Bevölkerungsgruppe nun einmal der höchste Anteil an den  erschreckenden Todeszahlen zu beklagen ist.

Auch Home Office-Möglichkeiten tragen ihren Teil zur dringend notwendigen Kontaktreduzierung bei, denn sie vermindern das Übertragungsrisiko im öffentlichen Nahverkehr und beispielsweise in Großraumbüros. Zur ganzen Wahrheit gehört hier aber auch, dass die Nutzung von Firmenkantinen bereits untersagt ist, viele Unternehmen auf größere Präsenz-Meetings längst konsequent verzichten und digitales Conferencing in vielen Betrieben bereits Standard ist.  Es gehört auch zur Wahrheit dazu, festzustellen, dass die Digitalisierung in der deutschen Wirtschaft bisher nicht rekordverdächtig vorangeschritten ist. Und das hat längst nicht in erster Linie mit einem vermeintlichen Un- oder Sparwillen der Unternehmer zu tun, sondern mit einer insgesamt miserablen digitalen Infrastruktur in diesem Land, die man auch nicht über Nacht austauschen kann. Man führe sich auch einmal die Tatsache vor Augen, dass viele Millionen Euro an Unterstützungsgeldern derzeit massiv verspätet ausgezahlt werden, weil eine Software in den staatlichen Amtsstuben nicht funktioniert.

Pragmatismus statt Ideologie: Wege aus der Krise

Hinzu kommt, dass ein verschwindend geringer Teil der Arbeitnehmer mit räumlich und ergonomisch angemessenen Voraussetzungen für längere Heimarbeit ausgestattet ist. Steigt dann noch die familiäre Belastung durch geschlossene Schulen, ist die nächste Katastrophe eigentlich vorprogrammiert: Fehlerhafte Entscheidungen im Job, Mitarbeiter im Burnout, Gewaltsituationen in Familien – das sind nur einige der Stichworte. Eine „Verpflichtung“ zur Home Office-Arbeit wird deshalb sicher mehr Schaden anrichten, als sie der Pandemiebekämpfung nutzt. Aber warum nicht Unternehmen kostenlose Vor-Ort-Beratung anbieten, wie sie vorhandene Arbeitssituation möglichst kostengünstig optimieren können? Das wäre doch eine schöne Aufgabe für die Berufsgenossenschaften, die unter anderem bereits große Erfahrung in der Vermessung richtiger Abstände der Augen zum Computerbildschirm vorweisen können. Ich glaube jedenfalls mehr an einen konstruktiven Dialog zwischen Chef und Mitarbeiter bei der Festlegung einer sinnvoll-angemessenen, individuellen Arbeitsplatzsituation, denn auf staatliche Verordnungen.

Unter dem Strich wünsche ich mir aber vor allem eine Abkehr von ideologischen, gesellschaftspolitischen, ja auch von parteipolitischen Instrumentalisierungen der Corona-Pandemie. Als eines der fortschrittlichsten Länder der Welt sollten wir uns auf unsere erfinderischen und intellektuellen Fähigkeiten besinnen. Dem Corona-Virus ist es vollkommen egal, ob wir uns als Gesellschaft zanken oder gar komplett zerlegen – es lässt sich nur durch extrem kluge Strategien einhegen und am Schluss hoffentlich ausrotten oder auf ein verträgliches Maß abmildern. Dass wir in diesem Bemühen aber auch noch dem Erwerb unseres Lebensunterhalts nachkommen müssen und international mit einer Vielzahl unterschiedlicher Gesellschaftsformen im Wettbewerb stehen – das gehört zur riesigen Herausforderung dieses Jahrhundert-Ereignisses. Hier die richtige Balance zu finden, ist das dringende Gebot der Stunde.

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