Im 15. Jahr berichtet unser Online-Magazin mittelstandinbayern.de über Themen aus dem bayerischen, deutschen und internationalen Mittelstand. Mehr als 2.200 Artikel sind bisher entstanden und online verfügbar. Von den goldenen Exportjahren in die Polykrise: Der deutsche Mittelstand hat in diesem Zeitraum eine turbulente Dekade hinter sich. Während er sich lange als unerschütterlicher Wachstumsmotor erwies, steht das „Rückgrat der deutschen Wirtschaft“ heute vor seiner größten strukturellen Bewährungsprobe.
Wer im Jahr 2012 auf den deutschen Mittelstand blickte, sah eine Erfolgsgeschichte. Während weite Teile Europas noch an den Nachwehen der Finanz- und Eurokrise litten, eilten die kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) in Deutschland von Rekord zu Rekord. Es war die Ära der „Hidden Champions“: Familiengeführte Weltmarktführer, die von günstigen Energiepreisen, niedrigen Zinsen und einem unersättlichen chinesischen Markt profitierten. Die Arbeitslosigkeit sank, die Auftragsbücher waren voll, und „Made in Germany“ war der Goldstandard.
Doch der scheinbar endlose Aufschwung überdeckte schleichende Probleme. Bereits gegen Ende der 2010er-Jahre mahnten Ökonomen, dass die Digitalisierung verschlafen wurde und die Abhängigkeit von globalen Lieferketten zu groß sei.
Die Zäsur der 2020er
Mit der Corona-Pandemie 2020 endete die Party abrupt. Zwar bewies der Mittelstand zunächst seine legendäre Resilienz – gestützt durch Kurzarbeit und staatliche Hilfen –, doch die Pandemie legte die Verwundbarkeit der Just-in-Time-Produktion offen. Kaum hatte sich die Wirtschaft berappelt, folgte 2022 mit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine der nächste Schock. Die Energiekrise traf das produzierende Gewerbe ins Mark. Das Geschäftsmodell vieler Firmen, das auf billigem Gas basierte, kollabierte über Nacht. Massive Preissprünge zwangen rund ein Viertel der Mittelständler zu Umstrukturierungen. Jedes fünfte Unternehmen reichte die Kosten vollständig an Kunden weiter. Auch wenn sich die Lage zwischenzeitlich etwas entspannt hat, bleiben die strukturellen Verwerfungen, geringere Investitionen in den Standort Deutschland und deutliche Wettbewerbsnachteile im Vergleich zu anderen Ländern weiterhin bestehen und bremsen das Wachstum der deutschen Wirtschaft aus.
Der Status Quo: Substanzkampf statt Wachstum
Heute, im Jahr 2026, zeigt sich ein gespaltenes Bild. Die akute Inflationsphase hat sich beruhigt, doch die strukturellen Sorgen wiegen schwerer denn je. Der Mittelstand kämpft an drei Fronten gleichzeitig: Demografie, Bürokratie und Standortkosten.
Der Fachkräftemangel ist von einer theoretischen Gefahr zur bitteren Realität geworden; in vielen Betrieben bleiben Maschinen stehen, nicht weil Aufträge fehlen, sondern weil niemand da ist, um sie zu bedienen. Hinzu kommt eine überbordende Bürokratie – von Lieferkettengesetzen bis zu Nachhaltigkeitsberichten –, die gerade kleinere Firmen überproportional belastet.
Die Stimmung hat sich gedreht. Investitionen fließen vermehrt ins Ausland, nicht mehr nur zur Markterschließung, sondern aus Kostengründen. Die Ära des automatischen Wachstums ist vorbei. Der deutsche Mittelstand verfügt noch immer über enorme Substanz und Innovationskraft, doch er befindet sich in einer schmerzhaften Transformationsphase. Die Frage der kommenden Jahre wird sein, ob der „German Mittelstand“ seine Flexibilität nutzen kann, um sich neu zu erfinden, oder ob das Rückgrat der Wirtschaft unter der Last der Standortfaktoren dauerhaft Schaden nimmt.
Dringende Forderungen an die Politik
Deutsche Mittelstandsverbände fordern deshalb schon länger einen radikalen Kurswechsel in der Wirtschaftspolitik. Dazu gehört ein massiver Bürokratieabbau genauso wie eine deutliche Deregulierung. Allein im Jahr 2026 werden eine Flut neuer EU-Vorgaben wirksam, darunter die NIS2-Richtlinie für Cybersicherheit (Kosten pro Betrieb bis zu 350.000 €), die EU-Entgelttransparenzrichtlinie und die EU-Entwaldungsverordnung (Sorgfaltspflichten ab Ende 2026).
Eine weitere zentrale Forderung: Senkung der Lohnnebenkosten und Energiekosten. Angesichts steigender Sozialabgaben und eines weiter kletternden CO₂-Preises fordert der Mittelstand finanzielle Entlastung. Ein spezifischer Kritikpunkt ist auch der Mindestlohn, der 2026 auf 13,90 € steigen soll. Auch eine Investitionsoffensive und mehr Digitalisierung gehören zu den dringend erwarteten Impulsen für den deutschen Mittelstand. Zur Fachkräftesicherung fordert das Handwerk (ZDH) dringende Reformen zur Bewältigung des akuten Personalmangels, mehr Budget für die Fortbildung von Mitarbeitern sowie eine Stärkung der beruflichen Bildung.
Insgesamt geht es den Unternehmen in Deutschland vor allem um deutlich mehr Planungssicherheit. Verlässliche Rahmenbedingungen, mit denen die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts langfristig gesichert werden kann, sind angesichts weitweiter geopolitischer und innenpolitischer Machtverschiebungen wichtiger denn je.Wir werden im Team weiterhin über die Situation in der mittelständischen Wirtschaft berichten – wenn uns die Zeiten gewogen sind, auch gerne noch einmal 12 Jahre lang!
Danke, dass Sie uns begleiten!
Ihr
Achim von Michel
Herausgeber mittelstandinbayern.de



