Sigrid Hauer ist Geschäftsführerin der EBH GmbH. Sie leitet darüber hinaus in München den Lean In Circle, als Plattform und monatliche Treffen für Frauen im Beruf.

Was macht weiblichen Führungsstil aus?

Veröffentlicht: 17.01.2017

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Zu dieser Frage sprechen wir mit Sigrid Hauer. Die Unternehmerin aus München hat an der IHK-Studie „Unternehmerinnen in Oberbayern“ mitgewirkt. Frau Hauer ist Geschäftsführerin der EBH GmbH, dem Beratungsunternehmen für Kommunikation im Projekt. Sie leitet in München den Lean In Circle, als Plattform und monatliche Treffen für Frauen im Beruf, sowohl für Unternehmerinnen als auch für (zukünftige) Führungskräfte. Die Organisation der Lean In Circle basiert auf dem Buch „Lean In“ von Sheryl Sandberg und wurde ein Besteller mit dem Thema Weibliche Führung.

Der nächste Lean In Termin ist der 19.01. Weitere Infos zur Teilnahme finden Sie unter https://www.eventbrite.com/e/lean-in-circle-munchen-januar-2017-tickets-30548627768.

Frau Hauer, welche Unterschiede zeigen sich im Führungsstil zwischen Frauen und Männern?

Meiner Meinung nach führen Frauen „integrativer“, das heißt für mich, sie haben auch das Umfeld der Mitarbeiter und auch weitere Faktoren intuitiv im Blick, was zu einem nachhaltigeren Führungsstil führt. Grundsätzlich setzen Frauen aber mehr auf Soft Skills und Empathie. Der Mensch steht im Mittelpunkt ihrer unternehmerischen Philosophie.

Laut der IHK-Studie zu den Unternehmerinnen Oberbayerns führen Frauen, indem sie ihrer unternehmerischen Intuition eine komplexe, multifaktorielle Abwägung zur Seite stellen, in die sie ihre Mitarbeiter und Experten, aber auch kritisch reflektierte Erfahrungen der Vergangenheit einbeziehen.

Das kann ich aus meiner eigenen Erfahrung bestätigen.

Inwiefern können Unternehmen von einer gemischten Führung aus Frauen und Männern profitieren?

Jeder Mensch neigt dazu, nur die Aspekte im Blick zu behalten, die ihm selbst vertraut sind und die er nachvollziehen kann. Das führt dazu, dass wir Menschen mit denen wir „nicht so viel anfangen können“ automatisch weniger beachten. Um diesen Wahrnehmungsfehler auszugleichen, ist eine möglichst breit aufgestellte Führungskultur von Vorteil.

Ich habe z.B. kürzlich einen Strategieworkshop mit 2 Geschäftsführern eines Beratungsunternehmens durchgeführt. Bei der konkreten Arbeit an der Zielgruppe des Unternehmens sind beide von sich aus nicht auf die Idee gekommen, auch weibliche Kunden in der Zielgruppe zu definieren. Sie hätten fast 50% ihrer Zielgruppe nicht beachtet und führte zu einer heftigen Diskussion, inwieweit Frauen als Kunden angesprochen werden können. Dieser „blinde Fleck“ war den beiden Geschäftsführern überhaupt nicht bewusst.

Warum führen Frauen deutlich häufiger kleine als große Unternehmen?

Das hat für mich mehrere Ursachen. Meiner Erfahrung nach wollen Frauen lieber etwas bewirken statt Macht auszuüben. In kleinen Unternehmen sieht man Ergebnisse viel schneller. Das ist für viele Frauen interessanter.

Dazu kommt die Haltung, dass Frauen lieber Existenzen schaffen als Unternehmen gründen. Das ist ein Unterschied in der Haltung, warum man ein Unternehmen führt. Was nicht heißt, dass Frauen nicht auch „groß“ können.

Zudem führt der Fachkräftemangel zu einem erstaunlichen Effekt in vielen Branchen: die Riege der Geschäftsführer und Inhaber entwickelt einen Blick für bisher unterschätztes Potential: die Frauen. Damit wächst derzeit eine breitere weibliche Führungskräfte-Ebene heran, was auch auf die Führung von Unternehmen Einfluss nimmt.

In welchen Branchen sind Unternehmerinnen besonders vertreten?

Die meisten Unternehmerinnen kenne ich in der Beratung. Alle Arten von Kommunikation sind bei Frauen besonders beliebt. Dazu gehören Texterinnen, Marketing-Beratung bis hin zu klassischem Coaching und Kommunikationstraining. Das sind meistens Einzel-Unternehmerinnen, die aus der selbständigen Existenz heraus ihr Unternehmen entwickeln.

Wie wird sich weiblich geführtes Unternehmertun in der Zukunft entwickeln?

Ich nehme wahr, dass Frauen selbstbewusster und damit sichtbarer werden. Das hat eine Auswirkung auf das Unternehmertum. Ich glaube, wir werden viel mehr sozial und nachhaltige arbeitende Unternehmen egal in welcher Branche erleben, da das Themen sind, die Frauen auch als Unternehmerinnen interessieren.

Was motiviert Frauen, sich selbstständig zu machen?

Ich beobachte 2 Gruppen von Selbständigen. Die eine Gruppe macht sich selbständig, weil sie das Gefühl hat, in einem Angestellten-Verhältnis nicht mehr am richtigen Platz zu sein. Das kann ganz unterschiedliche Gründe haben. Von der Teilzeitfalle, über schlechte Erfahrungen im Karrierefortschritt bis hin zu dem Wunsch, unabhängiger zu sein und mehr eigene Entscheidungen treffen zu wollen, als das in der bisherigen beruflichen Tätigkeit der Fall war. Das ist eine „weg von“-Motivation, weg von der aktuellen Situation, in der sie sich befinden.

Die andere Gruppe hat eine Idee für ein Unternehmen, die sie realisieren möchte. Da ist ein starker Antrieb, etwas bewirken zu wollen und zu verändern. Da sind Aspekte wie Zielorientierung, unternehmerisches Wachstum und der Wunsch, direkt Einfluss zu nehmen viel stärker ausgeprägt. Das ist eine „hin zu“-Motivation, hin zu einer Situation, die sie erreichen möchten.

Und auf welchen Wegen gelingt ihnen der Weg in die Selbstständigkeit?

Frauen bereiten sich gründlich vor, sind gut ausgebildet und wägen die Risiken vorher gründlich ab. Laut der IHK-Studie der Unternehmerinnen Oberbayerns gründen hier die Frauen eher im Vollerwerb statt wie generell angenommen im Nebenberuf. Ich danke, hier spielen auch Branche, Region und persönliche Lebensumstände eine Rolle.

Häufig übernehmen Frauen ein Unternehmen, und zwar nicht nur in der Nachfolge, sondern auch bei den Unternehmenskäufen liegen Frauen vor den Männern in Oberbayern.

Auf welche Hindernisse stoßen vor allem Frauen in ihrem Berufsleben?

In der Gründung und in der Führung von Unternehmen gibt es einige Besonderheiten. Die Studie benennt hier die Faktoren, die sich auch mit meiner Erfahrung decken.

Komplizierte Finanzierung: Bemängelt wurde die Schwierigkeit, ganz zu Beginn der Geschäftstätigkeit auf unkompliziertem, unbürokratischem Weg an Kapital zu gelangen. Auch bei der Investorensuche fehlte Unterstützung. Zudem wurde verstärkt der Wunsch nach kompetenter Finanzberatung bei der Gründung geäußert.

Kaum spezifische Beratung: An zweiter Stelle der offenen Rückmeldungen stand der Mangel an spezifischen Beratungsangeboten. Besonderer Beratungsbedarf liegt demnach in den Bereichen Rechtsform und steuerliche Angelegenheiten. Gewünscht wurde aber auch mehr branchenspezifische Beratung oder Vertriebsberatung.

Fehlende individuelle Coachings: Eng verbunden mit spezifischer Beratung steht der Bedarf nach individuellem Coaching. Eine längere Begleitung auf dem Weg ins Unternehmertum wäre für viele Unternehmerinnen, aber auch Unternehmer wünschenswert gewesen: begleitende Beratung durch einen kritischen und erfahrenen Mentor über zwei bis drei Jahre, Hilfe bei der praktischen Umsetzung der Schritte, Betriebschecks für die Zukunft des Betriebs oder praktische Hilfe beim Umgang mit Behörden.

Aus diesem Grund, da ich auch selbst diese Erfahrung gemacht habe, biete ich in München den Lean In Circle für Frauen in Unternehmen an. Hier bieten wir kontinuierlich, seit 2015 einen offenen Austausch zu allen Karriere- und beruflichen Fragen.

Sonderproblem Schwangerschaft: Zudem wurde als genderspezifische Herausforderung mehrfach genannt, dass es für schwan¬gere Unternehmerinnen sehr schwierig ist, Unterstützung zu bekommen.

Welche Stärken hinsichtlich der Unternehmensführung können Frauen besonders gut einbringen?

Komplexes und intuitives Denken ermöglicht Erfolg als Unternehmerin. Frauen treffen Entscheidungen gerne im Team oder nach Rücksprache mit Mitarbeitern und Experten. Alleingänge sind ihnen suspekt, was in unserer Welt mit stetig steigender Komplexität ein absoluter Wettbewerbsvorteil ist.

Obwohl Frauen in der Unternehmensführung durchaus machtbewusst agieren, berücksichtigen sie bekannte Risiken und bewerten die Faktenlage genau. In Kombination mit einem gesunden Vertrauen in Intuition, das auf unternehmerischer Erfahrung basiert, sind Frauen damit oft erfolgreicher.

Leidenschaftlichkeit für das Unternehmen und im strategischen Denken sind wesentliche persönliche Erfolgsfaktoren von Unternehmerinnen. Frauen geben Eigenschaften wie der Empathie und Frustrationstoleranz hohe Bedeutung.

Vielen Dank für das Gespräch.

Die ganze IHK-Studie „Unternehmerinnen in Oberbayern“ finden Sie unter https://www.ihk-muenchen.de/de/%C3%9Cber-uns/IHK-Publikationen.html.


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