Achim von Michel, Herausgeber von mittelstandinbayern.de
Achim von Michel, Herausgeber und Chefredakteur von mittelstandinbayern.de

Trumpocalypse für den deutschen Mittelstand?

Veröffentlicht: 14.11.2016

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Liebe Unternehmerinnen und Unternehmer,

nach dem für viele überraschenden Ausgang der US-Präsidentschaftswahl stellen sich hierzulande die meisten Unternehmer die Frage, welche Folgen die neue Machtkonstellation und Führungsspitze der Supermacht USA wohl für die Wirtschaft haben wird. Schließlich könnten die Auswirkungen einer protektionistischen Handelspolitik der USA, wie sie von Trump im Wahlkampf oft beschworen wurde, für exportorientierte deutsche Unternehmen aus dem Mittelstand fatale Konsequenzen haben.

Der Bundesverband mittelständische Wirtschaft (BVMW) sieht zumindest vorerst keinen Grund zur Sorge. Zum Ergebnis der Wahl sagt BVMW-Präsident Mario Ohoven: „Amerika hat anders gewählt, als fast ganz Europa es erwartet hat. Mit der Wahl von Donald Trump wollen viele Amerikaner offensichtlich dem Establishment in Washington die rote Karte zeigen. Wer will, dass das Volk entscheidet, muss Brexit und die amerikanische Präsidentenwahl respektieren.“

Sorgen um Export vorerst unbegründet

Sorgen um den Export deutscher Firmen hält er für verfrüht: „Ich glaube nicht, dass die Trump-Wahl den Export sehr schwächt“, so Ohoven. „Die Börsen werden sich schnell beruhigen und zur Tagesordnung übergehen. Ich bin überzeugt, Donald Trump, der ja aus der Wirtschaft kommt, ist an stabilen wirtschaftlichen und politischen Beziehungen zur Europäischen Union und insbesondere zu Deutschland als stärkster Volkswirtschaft in Europa interessiert. Für seine Äußerungen zu Protektionismus und Abschottung gilt: Nichts wird so heiß gegessen, wie es im Wahlkampf gekocht wird.“

Doch auch das transatlantische Freihandelsabkommen TTIP, das deutliche Handelserleichterung zwischen Europa und den USA ermöglichen könnte, lehnte Trump im Wahlkampf bisher ab. Eine Einigung wird mit ihm als Präsident also nicht leichter. Für die Exportnation Deutschland könnte es enttäuschend sein, wenn TTIP nicht kommt. Aber auch schon der Status Quo könnte sich verschlechtern. Wenn die US-Wirtschaft unter Trump nicht wächst oder gar schrumpft, leiden darunter mit Sicherheit auch die deutschen Exporteure.

Peter Driessen, Hauptgeschäftsführer des bayerischen Industrie- und Handelskammertages hofft deshalb weiter auf TTIP: „Die bayerische Wirtschaft erwartet vom zukünftigen Präsidenten Donald Trump ein klares Bekenntnis zum Freihandel und Unterstützung beim zügigen TTIP-Abschluss“, so Driessen. Der BIHK-Chef räumt aber zugleich ein, dass die Chancen für TTIP unter Donald Trump schlechter stehen, als wenn die Demokratin Hillary Clinton die Wahl gewonnen hätte.

USA können sich keinen Handelskrieg leisten

Die Wichtigkeit von TTIP betont auch Mario Ohoven: „Der Lackmustest für uns wird das transatlantische Freihandelsabkommen TTIP sein. Hier geht es um die größte Freihandelszone der Welt mit 800 Millionen Menschen.“ Ein Umschwenken Trumps bezüglich TTIP hält er aber für wahrscheinlich, denn: „Die USA können sich weder Protektionismus noch gar einen Handelskrieg mit der EU oder China leisten. Das weiß auch Donald Trump. Im Übrigen: Ohne den Kongress kann kein Präsident den Kurs der USA um 180 Grad ändern.“

Auch die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) setzt auf die Fortsetzung der gewachsenen transatlantischen Partnerschaft zwischen den USA und Europa, Deutschland und Bayern. „Auf Basis der gemeinsamen freiheitlich-demokratischen Fundamente brauchen wir einen engen politischen und wirtschaftlichen Schulterschluss und ein klares Bekenntnis zu offenem Welthandel und gegen Protektionismus. Wir setzen darauf, dass die künftige US-Administration jetzt zügig die Linien für eine verlässliche Außen- und Freihandelspolitik aufzeigt“, so Bertram Brossardt, vbw-Hauptgeschäftsführer.

Die USA sind der wichtigste deutsche Handelspartner. Das Gesamthandelsvolumen zwischen Deutschland und den USA beträgt ca. 173 Milliarden Euro. Der Wert der Ausfuhren in die USA hat sich seit 2008 mehr als verdoppelt, das Land hat Frankreich als wichtigsten Handelspartner der Bundesrepublik abgelöst.

Auch für den Freistaat Bayern sind die USA der wichtigste Exportmarkt. 2015 exportierte Bayerns Wirtschaft Waren im Wert von 22,8 Milliarden Euro in die USA, ein Plus von 15,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Importe aus den USA hingegen haben sich nur wenig verändert. Der deutsche Exportüberschuss ist deshalb deutlich gewachsen. 2010 lag er im Handel mit den Vereinigten Staaten bei 20 Milliarden Euro, im vergangenen Jahr bei 53 Milliarden.

Trump muss Verlässlichkeit erst noch beweisen

Dieses Exportplus könnte in Gefahr sein, wenn Trump seine wirtschaftspolitischen Ankündigungen aus dem Wahlkampf wahr macht. Aber ob dies auch wirklich geschieht, bleibt abzuwarten. Seine aktuellen, deutlich milderen Einlassungen gegenüber Medienvertretern lassen hoffen, dass viele seine markigen Sprüche nur ein Ziel hatten: den Wahlkampf zu gewinnen. Doch Trump hat mit seinen Wahlversprechen auch Hoffnungen und Erwartungen geweckt, deren Enttäuschung ihm innenpolitisch sehr schaden können. Da hilft ihm auch die derzeit günstige Machtverteilung nicht weiter: Unter Donald Trump sind zumindest theoretisch Exekutive, Legislative und Judikative auf absehbare Zeit mehrheitlich mit Republikanern besetzt. Doch die Republikaner sind selbst eine zutiefst zerstrittene Partei, und längst nicht alle Politiker folgen den teilweise schrillen Tönen des Multimilliardärs, der soeben sein eigenes Präsidentengehalt in einer großzügigen Geste kurzerhand auf einen Dollar pro Jahr festgesetzt hat – anstatt der üblichen 400.000 Dollar Jahresvergütung.

Wir werden Sie in jedem Fall weiter auf dem Laufenden halten und über Entwicklungen, die dem deutschen und insbesondere bayerischen Mittelstand schaden könnten, zeitnah informieren. Berechenbarkeit und Verlässlichkeit sind das höchste Gut, mit dem Donald Trump die Weltwirtschaft derzeit von sich überzeugen kann, und hier hat er zumindest in der Außenwirkung noch deutlich Nachholbedarf.

Ihr
Achim von Michel
Herausgeber, mittelstandinbayern.de


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