BLLV Diskussionsrunde in München über die Anforderungen von Schule und Wirtschaft

Leistung in Schule und Wirtschaft: Ein Dauerkonflikt?

Veröffentlicht: 26.07.2017

Liebe Leserinnen und Leser,

die Diskussion um unterschiedliche Leistungsanforderungen in Schule und Wirtschaft ist uralt, doch gerade in Zeiten der Digitalisierung hochaktuell. Seit Jahren sehen sich Lehrer mit dem Vorwurf konfrontiert, sie vermittelten Schülern nicht jene Kompetenzen, auf die es im Beruf später ankomme. Doch wie kann die Schule junge Menschen auf eine sich ständig wandelnde Arbeitswelt vorbereiten? Was genau erwarten Unternehmen eigentlich von ihren Mitarbeitern?

Über diese kontroversen und zugleich spannenden Fragen habe ich vergangenen Monat mit der Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV), Simone Fleischmann, dem Vizepräsident des BLLV, Gerd Nitschke, sowie der Leiterin der Abteilung Human Ressources bei der W.L. Gore & Associates GmbH, Karsta Goetze, diskutiert.

In meiner Funktion als bayerischer Pressesprecher und Beauftragter für Politik des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft (BVMW) habe ich in diesem Streitgespräch zentrale Anliegen des Mittelstands thematisiert. So wies ich gleich zu Beginn der Diskussion darauf hin, dass die Ausbildung junger Menschen zunehmend am Bedarf der Wirtschaft vorbeigeht: Immer mehr Schüler besuchen das Gymnasium und setzen ihre Ausbildung anschließend an der Universität fort. Das Ergebnis ist ein Überangebot an Akademikern, während berufsqualifizierte Fachkräfte fehlen. Die Wirtschaft braucht nicht nur hochkreative Akademiker, sondern auch Menschen, die fremde Ideen zuverlässig verwirklichen und tatkräftig zupacken.

Von der Schule erwarte ich, überspitzt gesagt, mehr Realitätssinn. Es ist wichtig, dass Schüler eine klare Vorstellung von Ausbildungsberufen bekommen – und zwar unabhängig davon, ob sie an der Hauptschule, Realschule oder am Gymnasium lernen. Schüler sollten wissen, dass sie auch mit einer Ausbildung einer anspruchsvollen, gutbezahlten und sogar kreativen Tätigkeit nachgehen können. Sie sollten von ihren Lehrern vermittelt bekommen, dass eine universitäre Ausbildung nicht für jeden Menschen das Richtige ist.

Damit Schüler diesen Realitätssinn erlangen, ist Praxisnähe und leistungsbezogene Differenzierung in der schulischen Ausbildung unerlässlich. Ich plädiere deshalb für mehr Praktika und die Beibehaltung des dreigliedrigen Schulsystems in Bayern sowie für die Fortsetzung der Leistungskurse am Gymnasium. Es bringt wenig, alle Schüler in allen Fächern auf das gleiche Niveau zu bringen – stattdessen sollte individuelle Begabung wieder stärker gefördert werden.

Uneinigkeit herrschte zwischen mir und Karsta Goetze mit Blick auf die Beurteilung von Schulnoten. Unterschiedliche Ansichten herrschen diesbezüglich auch in der Wirtschaft. So legen manche Unternehmen noch immer großen Wert auf gute Noten und vertrauen darauf, dass diese der tatsächlichen Leistung und Kompetenz eines Bewerbers entsprechen. Anderen Unternehmen hingegen, sind Zeugnisse nicht so wichtig, denn für jede schlechte Schulnote kann es einen guten Grund geben. In diesen Unternehmen spielen Einstellungstests und -gespräche sowie die Motivation der Bewerber eine wichtigere Rolle.

Zuletzt kamen wir auf das Thema Digitalisierung zu sprechen. Seitens des BLLV wurde deutlich, dass Lehrer ihre Schüler gerne besser auf die digitale Arbeitswelt vorbereiten möchten, doch das Gefühl haben, mit den rasanten Entwicklungen nicht Schritt halten zu können. Meiner Ansicht nach ist die Lehre aktueller Digitalisierungstrends jedoch gar nicht nötig. Stattdessen sollte die Medienkompetenz junger Menschen geschult werden. Auch sollten sie am Ende ihrer Schullaufbahn einen geübten Umgang mit technischen Geräten zeigen – Codieren muss zu diesem Zeitpunkt aber noch niemand können.

Damit Schüler besser auf das Arbeitsleben vorbereitet werden können, ist das regelmäßige Gespräch zwischen Vertretern der Schule und Wirtschaft sowie Engagement auf beiden Seiten unerlässlich. Ich danke Frau Fleischmann, Frau Goetze und Herrn Nitschke deshalb für den interessanten Meinungsaustausch.

Das Gespräch selbst ist übrigens im BLLV-Verbandsmagazin „bayerische schule“ sowie in der Septemberausgabe des BVMW-Magazins „Der Mittelstand“ zu finden.

Ihr

Achim von Michel

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